Italien hat formell gegen die Schweiz protestiert und seinen Botschafter zurückgerufen, nachdem ein Schweizer Gericht den Betreiber eines Nachtlokals auf Kaution freigelassen hatte, in dem
ein verheerender Brand am Neujahrstag 40 Menschen das Leben kostete. Die Entscheidung löste auf beiden Seiten der Grenze Empörung aus.
Der Verdächtige, Jacques Moretti, Miteigentümer der Bar ‘Le Constellation’ im Alpenferienort Crans-Montana, wird zusammen mit seiner Frau Jessica wegen fahrlässiger Tötung und weiterer Delikte im Zusammenhang mit dem Feuer untersucht. Bei dem Brand wurden mehr als 100 Menschen verletzt, viele von ihnen Jugendliche, die an den Neujahrsfeiern teilnahmen.
Moretti war am 9. Januar festgenommen worden, kam jedoch am Freitag gegen Kaution frei – ein Schritt, der scharfe Kritik von italienischen Regierungsvertretern und Angehörigen der Opfer hervorrief.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verurteilte die Entscheidung in ungewöhnlich deutlichen Worten und bezeichnete sie als „eine Missachtung des Andenkens der Opfer und eine Beleidigung ihrer Familien“. Sechs der Todesopfer waren italienische Staatsbürger, zehn weitere Italiener wurden verletzt.
In einer am Samstag veröffentlichten Erklärung teilte die italienische Regierung mit, Meloni und Außenminister Antonio Tajani hätten den italienischen Botschafter in der Schweiz angewiesen, unverzüglich Kontakt mit Beatrice Pilloud, der leitenden Staatsanwältin des Kantons Wallis, aufzunehmen, um Italiens „starke Empörung“ über die Freilassung Morettis zum Ausdruck zu bringen.
Die Erklärung betonte, das Gericht habe seine Entscheidung trotz der Schwere der vorgeworfenen Taten, der Fluchtgefahr und der Möglichkeit einer Beeinträchtigung von Beweismitteln getroffen. „Ganz Italien verlangt nach Wahrheit und Gerechtigkeit“, hieß es, und forderte Maßnahmen, die dem „Leid und den Erwartungen der betroffenen Familien“ gerecht werden.
Zugleich ordnete Rom an, dass Botschafter Gian Lorenzo Cornado zu Konsultationen nach Italien zurückkehren solle, um über weitere diplomatische Schritte zu beraten.
Der Schweizer Außenminister Ignazio Cassis erklärte, er habe mit Tajani gesprochen und beide Länder hätten ihre gegenseitige Unterstützung nach der Tragödie bekräftigt. Eine Sprecherin des Schweizer Außenministeriums sagte, man sei nicht offiziell über den Rückruf des italienischen Botschafters informiert worden, betonte jedoch, dass ein solcher Schritt zur normalen diplomatischen Praxis gehöre und nicht dauerhaft sein müsse.
Staatsanwältin Pilloud bestätigte gegenüber der Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA, dass sie vom italienischen Botschafter kontaktiert worden sei. Sie erklärte jedoch, dass die Entscheidung über Morettis Freilassung von einem unabhängigen Gericht getroffen worden sei, nicht von ihrer Behörde.
Der Fall hat in Italien und der Schweiz eine intensive öffentliche Debatte ausgelöst, während die Ermittler weiter prüfen, ob Sicherheitsmängel oder Fahrlässigkeit zu einem der tödlichsten Clubbrände der jüngeren europäischen Geschichte beigetragen haben. Foto- Italian Government, Wikimedia commons.
