Zürich hat still und leise eine neue Art von Grenze in der Stadt gezogen – eine, die auf den ersten Blick kaum sichtbar ist, aber eine große religiöse und gesellschaftliche Bedeutung hat.
Über mehrere Quartiere hinweg, darunter Wiedikon, Enge und Wollishofen, wurde ein sogenannter *Eruv* eingerichtet: eine symbolische, geschlossene öffentliche Zone mit einer Fläche von rund 14 Quadratkilometern.
Innerhalb dieses Gebiets können gläubige Jüdinnen und Juden den Sabbat nun mit weniger Einschränkungen begehen. Vom Sonnenuntergang am Freitag bis zum Einbruch der Nacht am Samstag ist es nach jüdischem Religionsrecht grundsätzlich verboten, Gegenstände im öffentlichen Raum zu tragen. Dazu zählen Gebetbücher, Mahlzeiten, Kinderwagen oder auch das Schieben von Rollstühlen. Der Eruv lockert diese Regeln, indem er das Gebiet symbolisch als gemeinsamen privaten Raum definiert.
Der Begriff ‘Eruv’ stammt aus dem Hebräischen und lässt sich sinngemäß mit „Vermischung“ oder „Verbindung“ übersetzen. Praktisch umgesetzt wurde dies durch ein sorgfältig geplantes Netz von Begrenzungen mit einer Gesamtlänge von rund 18 Kilometern, das aus mehr als 100 einzelnen Punkten besteht.
Für den Großteil der Abgrenzung wurden bestehende städtische Strukturen wie Mauern, Zäune oder Hausfassaden genutzt. Wo Lücken bestanden, ergänzten dünne Nylonfäden oder unauffällige Pfosten die symbolische Umrandung. Laut Cédric Bollag, dem Initiator des Zürcher Eruvs, wurde großer Wert darauf gelegt, das Stadtbild nicht zu verändern.
Damit der Eruv gültig bleibt, überprüft ein Team die gesamte Anlage jede Woche vor Beginn des Sabbats und behebt mögliche Schäden. Auf einer Website wird jeweils veröffentlicht, ob der Eruv als „gültig“ freigegeben ist.
Die Kosten für das Projekt wurden vollständig von der jüdischen Gemeinschaft getragen, unterstützt durch private Spenden. Da für die Installation bauliche Maßnahmen notwendig waren, war eine Baubewilligung erforderlich, die im Jahr 2022 eingereicht wurde.
In einer Mitteilung sprechen die Initianten von einem neuen Kapitel jüdischen Lebens in Zürich. Zugleich stehe das Projekt für Offenheit, Zusammenarbeit und Vertrauen zwischen Religionsgemeinschaften und Behörden.
Auch Stadträtin Simone Brander unterstrich die Bedeutung des Eruvs. Er zeige, dass Zürich allen Bevölkerungsgruppen ermögliche, ihre Religion frei auszuüben. „Der Eruv ist ein Zeichen der gelebten Vielfalt in unserer Stadt“, sagte sie.
Zürich ist damit nicht die erste Stadt, die einen Eruv eingerichtet hat. Auch Metropolen wie London, Amsterdam, Wien und Antwerpen haben vergleichbare Zonen bereits umgesetzt und damit jahrhundertealte religiöse Traditionen in den modernen urbanen Raum integriert. Foto-Roland zh, Wikimedia commons.
