
Deutschland prüft die Möglichkeit eines gemeinsamen europäischen nuklearen Schutzschirms mit seinen Verbündeten, erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz.
Hintergrund sind zunehmende Debatten in Europa über eine stärkere eigenständige Sicherheitsarchitektur angesichts eines sich wandelnden außenpolitischen Kurses der Vereinigten Staaten.
Vor dem Hintergrund wachsender transatlantischer Spannungen betonte Merz, dass sich die Gespräche mit europäischen Partnern noch in einem frühen Stadium befänden und derzeit keine konkreten Entscheidungen anstünden. Seine Aussagen fallen in eine Phase, in der US-Präsident Donald Trump traditionelle Bündnisverpflichtungen infrage stellt und europäische Regierungen dazu veranlasst, ihre Abhängigkeit von Washington in Sicherheitsfragen neu zu bewerten.
„Wir wissen, dass wichtige strategische und sicherheitspolitische Entscheidungen vor uns liegen“, sagte Merz am Donnerstag vor Journalisten. „Doch im Moment ist die Zeit dafür noch nicht reif.“
Deutschland ist rechtlich daran gehindert, eigene Atomwaffen zu entwickeln. Dies ergibt sich sowohl aus dem sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990, der den Weg zur deutschen Wiedervereinigung ebnete, als auch aus dem Atomwaffensperrvertrag, den Deutschland 1969 unterzeichnete. Merz betonte jedoch, dass diese Verpflichtungen Gespräche über gemeinsame Lösungen mit Partnern nicht ausschließen.
Er bestätigte, dass Gespräche mit Verbündeten wie Großbritannien und Frankreich — den einzigen europäischen Staaten mit eigenem Nukleararsenal — bereits laufen. Diese stünden nicht im Widerspruch zur bestehenden nuklearen Teilhabe mit den Vereinigten Staaten.
„Europa hat sich über Jahrzehnte stark auf den nuklearen Schutzschirm der USA verlassen“, sagte Merz. „Diese Gespräche sind ergänzend und nicht widersprüchlich.“
Die europäische Verteidigungspolitik steht zunehmend im Fokus, da viele Länder ihre Militärausgaben erhöhen — auch als Reaktion auf deutliche Kritik aus der Trump-Administration. Trump hatte wiederholt erklärt, die USA könnten Verbündeten den Beistand verweigern, sollten diese nicht ausreichend in ihre eigene Verteidigung investieren, was in Europa für Unruhe gesorgt hat.
Zusätzliche Spannungen entstanden durch frühere Äußerungen Trumps über einen möglichen Erwerb Grönlands von Dänemark, einem NATO-Partner, sowie durch zeitweise angedrohte Strafzölle gegen Staaten, die sich der US-Politik widersetzten.
Merz’ Aussagen wurden von Thomas Röwekamp, dem Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Bundestages, unterstützt. Dieser erklärte, Deutschland verfüge über erhebliche technologische Fähigkeiten, die in eine europäische Nuklearinitiative eingebracht werden könnten.
„Wir haben keine Raketen und keine Sprengköpfe“, sagte Röwekamp dem Sender Welt TV. „Aber wir verfügen über einen bedeutenden technologischen Vorsprung, den wir in ein gemeinsames europäisches Projekt einbringen könnten.“
Auch wenn ein europäischer nuklearer Schutzschirm politisch und rechtlich weiterhin äußerst komplex ist, zeigen die aktuellen Diskussionen eine grundlegende Veränderung darin, wie Europa seine langfristige Sicherheit definiert — und welche Rolle die Vereinigten Staaten dabei künftig spielen sollen. Foto-Michael Lucan, Wikimedia commons.
