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Deutschland bereitet sich auf einen Krieg vor, den es hofft, nie führen zu müssen. Angesichts wachsender Spannungen mit Russland hat sich Berlin ein Ziel gesetzt: Bis 2029 soll das Land

kriegstüchtig sein — also kriegsbereit. Das ist das Jahr, in dem Verantwortliche glauben, dass Moskau in der Lage sein könnte, ein NATO-Mitglied anzugreifen.

Die Regierung hat bereits die strengen Haushaltsregeln gelockert, um mehr Geld in die Verteidigung zu stecken, die Rüstungsproduktion angekurbelt und denkt sogar über eine Rückkehr zur Wehrpflicht nach. Doch ein Vorschlag sorgt besonders für Gesprächsstoff: die Einrichtung einer strategischen Ravioli-Reserve.

Alois Rainer, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, meint, dass die nationalen Vorräte neu gedacht werden müssen. Bisher bestanden sie vor allem aus Grundnahrungsmitteln wie Getreide und getrockneten Linsen. Das Problem: In einer Krise dauert die Zubereitung zu lange. Sein Vorschlag: Vorräte an sofort verzehrfertigen Mahlzeiten wie Ravioli und Linsen in Dosen, die nur noch erhitzt werden müssen.

„Wir befinden uns in einer Sicherheitslage, die uns alle zum Nachdenken bringt“, erklärte Rainer. „Militärausrüstung ist wichtig — aber die Ernährungssicherheit ebenso.“

Das Vorhaben könnte bis zu 105 Millionen Dollar kosten, wobei große Handelsketten bei Lagerung und Logistik helfen sollen. Und es geht nicht nur um Krieg, so Rainer. Solche Vorräte könnten auch bei Naturkatastrophen, Stromausfällen oder sogar einem nuklearen Unfall hilfreich sein.

Wenig überraschend hat die Idee einer „Ravioli-Reserve“ für amüsante Schlagzeilen gesorgt. Doch hinter den Schmunzlern steckt eine ernste Sorge: Europa steht möglicherweise vor seiner größten sicherheitspolitischen Bedrohung seit Jahrzehnten.

Über 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg setzte Deutschland stark auf Pazifismus. Heute, da der automatische Beistand der USA nicht mehr als selbstverständlich gilt, ändert sich die Stimmung rasant. Die Debatte um Ravioli macht deutlich: Kriegsvorbereitung bedeutet nicht nur Waffen — sondern auch, das öffentliche Leben aufrechtzuerhalten, wenn alles zusammenbricht.

Florian Weber vom Technischen Hilfswerk bringt es auf den Punkt: „Verteidigungsfähigkeit bedeutet nicht nur Militär. Der Schutz der Bevölkerung ist genauso entscheidend.“

Dazu gehören Lebensmittel, Medikamente und auch Schutzräume. Und hier hinkt Deutschland hinterher. Von den 2.000 Bunkern aus der Zeit des Kalten Krieges sind weniger als 600 noch nutzbar — mit Platz für unter 1 Prozent der Bevölkerung. Finnland dagegen hat rund 50.000 Schutzräume, die fast die gesamte Bevölkerung aufnehmen können.

Vorratshaltung ist in Deutschland nichts Neues — seit den 1960er-Jahren gibt es nationale Reserven. Doch lange Zeit wurde die Idee belächelt. 2016 etwa riet die Regierung den Bürgern, sich Vorräte anzulegen. Viele machten sich lustig und hielten es für „Prepper“-Mentalität nach US-Vorbild. Die Pandemie hat das Denken verändert. Mit den Erinnerungen an Klopapier- und Nudelmangel im Hinterkopf sind die Menschen heute empfänglicher. Offizielle Empfehlungen lauten inzwischen: mindestens drei Tage Lebensmittel im Haus haben, besser zehn, dazu Grundmedikamente, Kerzen und ein batteriebetriebenes Radio.

Andere europäische Länder haben ihre eigenen Prioritäten. Die Schweiz hält am nationalen Kaffeelager fest. Norwegen rät, Jodtabletten für den Ernstfall bereitzuhalten — und sogar Karten- und Brettspiele, um sich die Zeit zu vertreiben.

Deutschland zieht nach. Behörden erstellen ein Verzeichnis der Schutzräume und fordern die Bürger auf, eigene Vorräte anzulegen. Ralph Tiesler, Leiter des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, sagte es klar: „Lange Zeit glaubten die Deutschen, Krieg sei kein Szenario, auf das wir uns vorbereiten müssten. Das hat sich geändert.“

Also ja: Deutschland bestellt Panzer und Raketen. Aber es lagert auch Ravioli ein. Denn in einer Krise ist es genauso wichtig, die Bevölkerung zu ernähren, wie die Soldaten zu bewaffnen. Foto-U.S. Army Europe Images from Heidelberg, Germany, Wikimedia commons.